Dissecting Humor

Jeder kennt sie, jeder sammelt sie früher oder später mal, über kurz oder lang, manche lieben sie, andere verachten sie. Richtig, die Rede ist von Bonuspunkten. Ich weiß nicht genau, seit wann man sie in so gut wie jedem deutschen Supermarkt oder Kaufhaus und an jeder Tankstelle bekommt, und ich weiß nicht genau, wo die Sammelpunkte herkommen. Ich glaube, dass das früher – 80er, frühe 90er Jahre – nicht so verbreitet war. Sicher ist nur, wenn man genug gesammelt hat, kriegt man Kochtöpfe, Reisetaschen, oder anderes Zeug. Prämien, Prämien, Prämien!

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“Drink Pepsi — Get Stuff.”

Gute Idee, bindet Kunden, kurbelt den Verkauf an – das machen wir auch, dachte sich PepsiCo, Inc. Mitte der 90er Jahre, und versprach seinen Kunden beim paketweisen Erwerb von Pepsi Cola ein paar “Pepsi Points” als Zugabe. Wenn man genug gesammelt hat, versicherte Pepsi, kann man die Punkte einlösen und bekommt dafür tollen “Pepsi Stuff.”

Das Einlösen sollte folgendermaßen ablaufen: Pepsi gab einen Katalog mit “Pepsi Stuff” heraus, darin waren T-Shirts, Lederjacken, Sonnenbrillen und diverser Krimskrams mit Pepsi-Logo zu sehen. Außerdem stand neben den einzelnen Sachen, wie viele Punkte man brauchte, um entsprechend einzutauschen. Wenn man nicht genügend Punkte hatte, konnte man statt einem “Pepsi Point” je 10 Cents in bar bezahlen. Um den Verkauf der Dosen mit Punkte-Zugabe zusätzlich anzuheizen, gabs natürlich die passende Fernsehwerbung dazu. Die sah so aus:

Als John Leonard aus Washington den Werbeclip sag, roch er Lunte. Aber Mr. Leonard wollte kein Pepsi-T-Shirt und keine Pepsi-Sonnenbrille. Er wollte auch keine Pepsi-Lederjacke. John Leonard wollte den Harrier Jet. Er hatte aber nur 15 Pepsi Points, und nicht genug Zeit, so viel Pepsi zu kaufen/trinken, bis er die 7 Millionen Pepsi Points zusammen hatte. Also rief er ein paar Bekannte an. 7 Millionen Punkte mal zehn Cent macht $700.000 (siebenhunderttausend) — von der Seite betrachtet ein erstaunlich günstiges Angebot für einen senkrechtstartenden Kampfjet. Kurze Zeit später hatte er die benötigte Summe beisammen. Er schickte also seine 15 Pepsi Points und einen Scheck über $700.008,50 (siebenhunderttausendundacht Dollar und fünfzig Cents) an Pepsi, und verlangte von dem Colaproduzenten den Jet aus der Fernsehwerbung. Die Bedingungen der Aktion hatte er erfüllt, also müsste er doch ein Recht auf den Jet haben.

Pepsi sah das anders. Bei Pepsi war man der Auffassung, Mr. Leonard sei nicht mehr ganz dicht, und er sei wohl der einzige Mensch auf Erden der nicht verstanden hatte, dass es sich bei dem Jet in der Fernsehwerbung um einen Scherz handelte. Ein wenig irritiert war man bei Pepsi aber doch, und so wurde der Brief von Mr. Leonard an die Werbefirma weitergeleitet, die den Clip für Pepsi produziert hatte. Diese beantwortete die Anfrage folgendermaßen:

I find it hard to believe that you are of the opinion that the Pepsi Stuff commercial really offers a new Harrier Jet. The use of the Jet was clearly a joke that was meant to make the Commercial more humorous and entertaining. In my opinion, no reasonable person would agree with your analysis of the Commercial.

Aber Leonard meinte es ernst. Er wandte sich an die Justiz und verklagte PepsiCo auf Herausgabe des Jets. Selbstverständlich lehnte das New Yorker Gericht einen Herausgabeanspruch ab. Es machte es sich aber nicht einfach, und untersuchte den Fall mit juristischer Gründlichkeit — und mit einer Prise Humor.

Zuerst stellte das Gericht fest, dass Erklärungen in der Werbung regelmäßig nicht als Angebot zu verstehen sind, sondern als Invitatio Ad Offerendem. Außerdem sei die Fernsehwerbung auch nicht als bindende Ausschreibung einer Belohnung zu verstehen. Dabei lässt Judge Wood nicht die Gelegenheit aus, sich über den Kläger lustig zu machen:

Plaintiff states that he ‘noted that the Harrier Jet was not among the items described in the catalog, but this did not affect [his] understanding of the offer.’ It should have.

Außerdem verneint das Gericht den Anspruch, weil aus Sicht eines objektiven Empfängers die Werbung nie und nimmer als Angebot verstanden worden wäre.

[N]o objective person could reasonably have concluded that the commercial actually offered consumers a Harrier Jet.

Die Forderung nach einer Jury lehnt das Gericht kurz und bündig mit der Begründung ab, dass es sich hier allein um Rechtsfragen (nicht Tatsachenfragen) handelt, die das Gericht im vorläufigen Rechtsschutzverfahren selbst entscheiden kann. Zum Abschluss erklärt das Gericht dem Kläger Leonard, dass Scherzerklärungen nicht bindend sind. Dafür sieht es sich genötigt, den Witz zu zerlegen.

Explaining why a joke is funny is a daunting task… ‘Humor can be dissected, as a frog can, but the thing dies in the process. …’

Damit es Mr. Leonard auch wirklich versteht, rechnet ihm das Gericht extra vor, warum ein normaler Mensch die Werbung nicht ernst genommen hätte.

To amass [7 million] points, one would have to drink 7,000,000 Pepsis (or roughly 190 Pepsis a day for there next hundred years — an unlikely possibility), or one would have to purchase approximately $700,000 worth of Pepsi Points. The cost of a Harrier Jet is roughly $23 million…

* *

Die Prämienflut im Einzelhandel ist durch diesen Fall natürlich nicht eingedämmt worden. Das Risiko von Schlaumeiern wie Mr. Leonard verklagt zu werden besteht im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zwar nach wie vor, aber es ist glücklicherweise eher gering. Amerikanische Supermärkte sind übrigens schon einen Schritt weiter, wenn es um die Erhebung von Konsumentenprofilen geht. Beim Einkauf kann man eine Bonuskarte mit Barcode einscannen, und es gibt Rabatte. Hier besteht also nicht mehr die Gefahr, dass man Punkte auf dem Weg vom Supermarkt zum Auto oder nach Hause verliert. Und man verpasst auch nicht das Ende einer bestimmten Prämien-Aktion, wenn man mit vollem Bonuspunkteheft zum REWE geht und dann feststellt, dass das toll Pfannen- und Kochtopfset vergriffen ist.

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* *

Wer sich das Urteil noch mal genauer anschauen möchte:

Leonard v. PepsiCo, Inc.
U.S. District Court, Southern Distric of New York
88 F. Supp. 2d 116
1999

Pepsico_logo

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