Suicide, Take 2

Die 1940er und 50er Jahre gelten als die klassische Periode des Film Noir; die Art von Kinofilmen, deren Grundstimmung ins Finstere geht, deren Hauptakteure häufig aus zynischen Motiven handeln oder Helden mit biographischen Sollbruchstellen sind. Privatdetektiv oder Femme Fatale sind meist mit von der Partie, gerne aber auch Versicherungsverkäufer. Die Milieus wecken Misstrauen, und es besteht kein Anlass zur Hoffnung.

Beim Film Noir handelt es sich um ein nicht eindeutig abgrenzbares Genre. Es gibt allerdings einige Film-Klassiker, die als Aushängeschilder des Film Noir gelten: The Big Sleep, Double Indemnity, The Night of the Hunter, Out of the Past, Sunset Boulevard, Touch of Evil, etc. etc. Doch hinter diesen bekannten Namen liegt ein unüberschaubarer Haufen zahlloser ähnlicher Filme, aus einem Zeitraum von weniger als zwei Dekaden. Das wirft doch die Frage auf: woher kam dieser Trend?

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Dafür gibt es bestimmt eine Menge guter Gründe. Die Great Depression steht als Hauptverdächtiger im Raum, aber das allein wäre vielleicht zu einfach. Ein weiterer Grund könnte schlicht und einfach sein: es gab diese Geschichten — schon bevor sie auf die Leinwand kamen, im echten Leben. Und auch schon vor dem Black Tuesday. Ein Beispiel dafür liefert der folgende Fall; die Geschichte von Ira Collins Soper.

Ira Collins Soper, a native of Kentucky, was the central figure in the drama now to be depicted. In October, 1911, he and plaintiff Adeline Johnson Westphal were united in marriage. In August, 1921, he suddenly disappeared.

Als Soper verschwindet, sieht alles nach einem Selbstmord aus. Sein Auto steht am Ufer eines Kanals, darin werden noch sein Hut und Teile seiner Kleidung gefunden. An einer Geschäftskarte in seinem Wagen steckt eine Notiz von Soper, darauf steht “This belongs to Mrs. Soper.” Seiner Frau Adeline schreibt er diverse Abschiedsbriefe.

He wrote several suicide notes to his wife. … He managed to leave Louisville, that being his hometown, without clue or trace.

Doch Soper ist nicht tot. Vielmehr verschwindet er heimlich aus Louisville, Kentucky, wo er mit seiner Frau Adeline gelebt hat. Er reist bis nach Kanada, kommt aber schon kurze Zeit später zurück in die USA.

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Minneapolis, Minnesota, ist ca. 700 Meilen von Louisville entfernt. Eine neue Stadt, ein neues Leben. Nachdem Soper verschwunden ist, nimmt er einen neuen Namen an. Er nennt sich jetzt John W. Young.

In Minneapolis fasst er schnell Fuß, eröffnet gemeinsam mit einem Partner ein Geschäft. John W. Young ist jetzt im Kraftstoff-Geschäft. Schon 1922 heiratet er erneut, doch Youngs zweite Frau stirbt bereits drei Jahre später. 1927 folgt die nächste Heirat. Seine dritte Ehefrau, Gertrude, ist — wie auch die ersten beiden — bereits verwitwet. In seinem neuen sozialen Umfeld erzählt Young, dass seine erste Frau vor Jahren an einer Lungenentzündung gestorben ist.

From the time he left Louisville and came to Minneapolis, … no one amongst his business or social acquaintances knew anything of or concerning his true wife.

Von seinem vorherigen Leben erfährt niemand. Keiner seiner Geschäftspartner, und auch nicht seine dritte Frau Gertrude wissen um John W. Youngs wahre Identität. Das ändert sich erst, als sich er 1932 tatsächlich das Leben nimmt.

(He and Gertrude) lived together as husband and wife from the time of this marriage until his death in 1932, when he actually did commit suicide.

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Nachdem Soper alias Young tot ist, erbt seine dritte und letzte Frau Gertrude von ihm. Schließlich war sie die Frau des dahingeschiedenen “John W. Young.” Unter anderem erhält Gertrude aus einer Lebensversicherung $ 5.000 in bar, sowie eine Kompensation für Sopers bzw. John W. Youngs Unternehmensanteile an seiner fuel company. Doch dann tritt Adeline auf den Plan.

Several months elapsed after these matters had been properly closed by the parties, as they in good faith thought, when Mrs. Soper, the true wife of Young, put in her appearance.

Adeline möchte an das Geld aus der Lebensversicherung. In der Versicherungspolice heißt es, dass die Begünstigte die “Ehefrau” ist. Und Adeline meint, das sei sie. Und damit stehe ihr das Geld zu. Die sperrige Klausel lautet folgendermaßen:

Upon the decease of either John W. Young or (his business partner), the Trust Company shall proceed to collect the proceeds of the Insurance Policies upon the life of the of such deceased Depositor, and shall handle and dispose of such proceeds as follows:

The Trust Company shall deliver the stock certificate of the deceased Depositor to the surviving Depositor and it shall deliver the proceeds of the insurance on the life of the deceased to the wife of the deceased Depositor.

Das Gericht entschied, dass Gertrude die Begünstigte der Versicherung ist. Zwar sei Adeline die “wahre” Ehefrau des verstorbenen Soper. Doch, so meint das Gericht, war bei Vertragsschluss niemand davon ausgegangen — d.h. weder die Versicherung, noch Sopers Geschäftspartner –, dass “John W. Young” eine andere Identität haben könnte. Und deshalb konnte niemand der Vertragschließenden gemeint haben, dass Sopers erste Frau aus seinem früheren Leben durch die Lebensversicherung begünstigt werden sollte. In rechtlicher Hinsicht handelte es sich um eine Frage der Vertragsauslegung. Genauer war die Frage hier, welche Beweise in den Prozess eingeführt werden dürfen, um die Bedeutung des Vertragstextes zu ermitteln, wenn der Vertrag selbst nicht widersprüchlich oder mehrdeutig ist. Denn an sich ist in der Bedeutung der Worte “die Ehefrau erhält alles” nicht viel Spielraum für freies Interpretieren. Das ist erst dann der Fall, wenn es zwei Ehefrauen, bzw. “Ehefrauen,” gibt.

From the facts and circumstances hereinbefore related, the conclusion seems inescapable that Gertrude was intended. She was the only one known or considered by the contracting parties.

Im Ergebnis entschied sich das Gericht gegen eine strenge Auslegung des Worts “wife,” und maß den sonstigen, durchaus besonderen Umständen des Versicherungsvertrags größere Bedeutung bei:

A written contract is little more than a scrap of writing …

Man könnte einwenden, dass die Begründung des Gerichts es dem Hauptakteur dieser film-noir-esken Geschichte theoretisch erleichtert hat, sein zweites Leben zu führen. Hätte das Gericht anders entschieden, wäre darin möglicherweise die Botschaft enthalten gewesen: wir akzeptieren keinen vorgetäuschten Suizid! Und auch keine selbst angenommenen, falschen Identitäten! Andererseits hat der Spruchkörper bei seiner Entscheidung möglicherweise bedacht, dass Adeline nach Sopers Verschwinden 1921 dessen Auto und Hut erhalten hatte — sodass es gerecht sei, wenn nach dem tatsächlichen Suizid nun die spätere Frau erben solle.

Ganz eindeutig war die Angelegenheit aber nicht. So heißt es in der widersprechenden Stellungnahme von Judge Olsen:

A man can have only one wife. … The contract in this case designates the “wife” as the one to whom the money was to be paid. I am unable to construe this word to mean any one else than the only wife of Soper then living.

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Wer sich die Entscheidung noch einmal genauer anschauen möchte:

In Re Soper’s Estate
Supreme Court of Minnesota
196 Minn. 60
1935

Zitiert nach: George/Korobkin, “K: A Common Law Approach to Contracts” (2012).

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